• Montag bis Freitag von 08:00 Uhr bis 15:00 Uhr

  • +49(0)3631981040

KleineWege ®

Hast du Bohnen in den Ohren? – wenn es einfach zu viel wird

Viele Menschen im Autismusspektrum verarbeiten Sinnesreize anders. Das Gehirn filtert Geräusche weniger stark, sodass Alltagsklänge – Stühlerücken, Flüstern, Neonlichtbrummen, Straßenlärm, Vogelgezwitscher – gleichzeitig und ungefiltert ankommen. Besonders auditive Reize können dadurch schnell zu einer Reizüberflutung (Overload) führen. Denn nichts rutscht einfach „zur Seite“. Alles ist da. Und alles will Aufmerksamkeit.

In solchen Momenten kann es passieren, dass Worte zwar gehört werden – aber zwischen all den weiteren Reizen untergehen. Nicht, weil nicht zugehört werden möchte, sondern weil das Gehirn mit dem Sortieren beschäftigt ist. Manche kennen das alte Sprichwort „Bohnen in den Ohren haben“. Vielleicht bedeutet es hier etwas ganz anderes: nicht bewusst wegzuhören – sondern zu viel hören.

Wenn viele Reize gleichzeitig einströmen, kann das Nervensystem überlastet reagieren. Unruhe, Stress, Rückzug oder starke Gefühle sind keine Trotzreaktionen, sondern Zeichen dafür, dass gerade alles zu viel ist. Auch schnelle Ablenkbarkeit oder das Vergessen von Gesagtem können damit zusammenhängen – Worte verschwinden wie Spuren im Sand: Kaum sind sie gesetzt, werden sie von vielen anderen Schritten überlagert und sind nur noch schwer zu erkennen oder der Wind weht darüber und trägt sie direkt wieder fort.

Auditive Hilfsmittel können im Alltag eine große Entlastung sein, ohne dass soziale Teilhabe oder Kommunikation verloren gehen. Besonders hilfreich sind zum Beispiel spezielle In-Ears wie die Loop Earplugs. Sie reduzieren Umgebungsgeräusche um etwa 16–18 dB, blenden Sprache aber nicht vollständig aus. Dadurch bleiben Gespräche möglich, während störende Nebengeräusche gefiltert werden. Viele empfinden sie als deutlich angenehmer als klassische Ohrstöpsel und nutzen sie gern in Schule, Kita, Freizeit oder bei Veranstaltungen, um besser fokussiert und ruhiger zu bleiben.

Auch Kopfhörer mit Geräuschdämmung oder Noise Cancelling sind bewährte Hilfsmittel, insbesondere bei starker Geräuschbelastung oder in bewussten Ruhe- und Konzentrationsphasen – wie man sie etwa aus Schulen oder Horten kennt. Sie ermöglichen es Kindern und Erwachsenen, sich zeitweise abzuschirmen und das Nervensystem zu entlasten.
Für den pädagogischen Alltag können zudem Mikrofone, die Lehr- oder Betreuungspersonen um den Hals tragen, sehr unterstützend sein. Diese übertragen die Stimme direkt auf Hörgeräte oder Cochlea-Implantate und sorgen für eine klare, fokussierte Ansprache, ohne dass gegen die Geräuschkulisse im Raum „angesprochen“ werden muss. Ergänzend können (Eck-)Lautsprecher oder Raumverstärker helfen, den Klang gleichmäßiger zu verteilen und die allgemeine Lautstärke zu senken.

Im Alltag hilft es, Reize insgesamt bewusster zu gestalten: weniger visuelle Ablenkung, klare Strukturen, reduzierte Gerüche, angenehme Materialien. Kleine Veränderungen können große Wirkung haben.

Wenn Aufmerksamkeit verloren geht, kann sie ebenso sanft wieder eingeladen werden. Ein rhythmischer Sprechgesang, eine klare, ruhige Ansprache, der eigene Name als Anker – all das kann helfen, die wichtigen Worte aus dem Hintergrundrauschen herauszuheben. Geduld ist dabei oft der wichtigste Begleiter. Weniger Nebengeräusche, weniger gleichzeitige Anforderungen – und das Wesentliche wird hörbar.

Was Eltern & pädagogische Fachkräfte konkret tun können
Präventiv:
• Rückzugsorte schaffen (leise Ecken, Ruheräume)
• Pausen fest einplanen
• Lärmschutz wie Kopfhörer oder Earplugs selbstverständlich erlauben

Im „Overload“-Fall:
• Reizquelle reduzieren oder Raum wechseln
• Weniger sprechen, ruhig bleiben
• Selbstregulation (z. B. Stimming) zulassen
• Zeit geben – nicht drängen

Für viele Kinder und Erwachsene im Autismus¬spektrum ist der Alltag von einem permanenten „Hintergrundrauschen“ begleitet. Auditive Reize sind dabei oft der größte Stressfaktor – aber auch der Bereich, in dem mit einfachen Hilfsmitteln und bewusster Gestaltung viel bewirkt werden kann.
Vielleicht bedeutet „Bohnen in den Ohren haben“ dann nicht mehr: nicht zuhören wollen –
sondern: endlich die Welt ein bisschen leiser machen dürfen.

Startseite » Blog Neuigkeiten » Hast du Bohnen in den Ohren?

Teile diesen Beitrag auf folgenden Kanälen.

KleineWege® Neuigkeiten nicht mehr verpassen…

Sie haben die Möglichkeit sich in unserem Online-Shop für den Quartalsbrief-Newsletter anzumelden. Ganz unten links finden Sie die Anmeldedaten.

Load More Posts
By Published On: 2. März 2026Categories: Allgemein0 Comments
Nach oben