• Montag bis Freitag von 08:00 Uhr bis 15:00 Uhr

  • +49(0)3631981040

KleineWege ®

Hast du Bohnen in den Ohren? – wenn es einfach zu viel wird

Viele Menschen im Autismusspektrum verarbeiten Sinnesreize und erleben Geräusche anders. Es geht dabei nicht unbedingt darum, mehr zu hören oder ein „empfindlicheres“ Gehör haben – sondern darum, wie das Gehirn Reize einordnet und bewertet.

Das sensorische Erleben von Menschen auf dem Autismusspektrum umfasst dabei meist drei Aspekte:
Manche Reize werden sehr intensiv wahrgenommen (Hyperreaktivität), auf andere wird kaum reagiert (Hyporeaktivität), und gleichzeitig gibt es oft ein aktives Suchen nach bestimmten Reizen – etwa durch Stimming.

Um zu verstehen, warum bestimmte Situationen so schnell überfordernd werden können, hilft ein Blick auf die Funktionsweise unseres Gehirns. Das Gehirn verarbeitet Reize nicht einfach – es sagt sie voraus. Es bildet ständig Erwartungen darüber, was als Nächstes passiert, und gleicht diese mit dem tatsächlichen Geschehen ab. Wenn etwas anders ist als erwartet, entsteht ein sogenannter Vorhersagefehler. Genau dieser Unterschied ist entscheidend dafür, wie stark ein Reiz erlebt wird.

Das bedeutet: Nicht die Lautstärke oder Menge eines Geräusches ist ausschlaggebend, sondern wie gut es in das passt, was das Gehirn erwartet.

Für viele Menschen im Autismusspektrum ist es jedoch schwieriger, diese Erwartungen flexibel anzupassen. Reize bleiben dadurch länger „neu“ oder unklar. Das Gehirn befindet sich gewissermaßen häufiger in einem Zustand erhöhter Wachsamkeit – weil es versucht, eine Welt zu verstehen, die sich weniger vorhersehbar anfühlt.

Alltagsgeräusche wie Stühlerücken, Flüstern, das Brummen von Neonlicht, Straßenlärm oder Vogelgezwitscher können, wenn sie gemeinsam auftreten, schnell zu viel werden. In solchen Momenten kann es passieren, dass Worte zwar gehört werden, aber zwischen all den anderen Eindrücken untergehen. Nicht, weil nicht zugehört werden möchte, sondern weil das Gehirn damit beschäftigt ist, die Sinneseindrücke zu ordnen und zu strukturieren.

Vielleicht bekommt das Sprichwort „Bohnen in den Ohren haben“ hier eine neue Bedeutung:
nicht bewusst wegzuhören – sondern zu viel gleichzeitig verarbeiten zu müssen.

Wenn es um Autismus geht, hört man oft: „Schaffe eine möglichst reizarme Umgebung; reduziere Reize!“ Weniger Lärm, weniger Ablenkung – das kann kurzfristig entlasten und ist in bestimmten Situationen auch sinnvoll.

Doch dieser Ansatz greift gleichzeitig allein oft zu kurz. Denn Reize an sich sind nicht das eigentliche Problem. Entscheidend ist, ob sie vorhersehbar, verständlich und einordbar sind.

Das Gehirn ist ständig bemüht, Vorhersagefehler zu minimieren, weil das Sicherheit und innere Ruhe schafft. Wird die Umgebung jedoch dauerhaft stark reduziert, passt sich das Gehirn an diese Ruhe an. Treffen später wieder Geräusche oder andere Reize auf, können sie dadurch umso intensiver wirken.

Ein wichtiger Ansatz besteht daher darin, Reize verständlicher zu machen, also Kontext zu geben.
Wenn wir wissen, warum etwas passiert, kann das helfen:

• „Nebenan wird gleich gesungen, weil jemand Geburtstag hat.“
• „Heute ist es ruhiger, weil die andere Gruppe nicht im Haus ist.“

Dieses „Drücken der Kontext-Taste“ aktiviert das bewusste Gehirn. Es kann die Situation einordnen und sich darauf einstellen.

Und doch hat diese Strategie ihre Grenzen.
Denn selbst wenn wir bewusst wissen, was gleich passiert, bedeutet das nicht, dass unser unbewusstes, vorhersagendes Gehirn nicht trotzdem überrascht werden kann. Vorhersagefehler entstehen oft auf einer Ebene, die sich nicht direkt durch Wissen beeinflussen lässt.

Mit anderen Worten: Kontext kann helfen – aber er verhindert nicht in jedem Fall eine Überforderung.

Gerade bei Reizen, die bereits stark negativ besetzt sind, kann eine Ankündigung sogar zusätzlichen Stress erzeugen. In solchen Situationen ist es oft hilfreicher, sich auf Sicherheit und Stressbewältigung zu konzentrieren, statt auf Erklärung.

Hier kommen Hilfsmittel ins Spiel. Ob Loop Earplugs oder Noise-Cancelling-Kopfhörer – sie können eine große Entlastung sein, weil sie unvorhersehbare Reize reduzieren und dem Gehirn eine Pause ermöglichen.

Wichtig ist dabei vor allem eines: nicht die dauerhafte Abschirmung, sondern die Möglichkeit, selbst über Reize zu bestimmen.

Diese Form von Kontrolle kann entscheidend dazu beitragen, Stress zu reduzieren – besonders in Situationen, die sich sonst schwer beeinflussen lassen.

Reizüberflutung entsteht selten allein durch Reize.

Oft spielen Ungewissheit, Anspannung oder Angst eine zentrale Rolle. Sie verstärken die Reaktion des Gehirns und machen es schwieriger, mit Sinneseindrücken umzugehen.

Das gilt übrigens nicht nur für Menschen im Autismusspektrum. Auch neurotypische Menschen kennen Situationen, in denen plötzlich alles „zu viel“ wird.

Neben der Reduktion von Stress kann es sehr hilfreich sein, gezielt positive und vertraute Erfahrungen zu stärken. Aktivitäten, die mit eigenen Interessen und Vorlieben verbunden sind, werden regelmäßig wiederholt. Dadurch werden sie vertrauter und damit auch vorhersehbarer.

Das hat einen entscheidenden Effekt:
Das Gehirn reagiert insgesamt ruhiger, weil es sich in einem bekannten Kontext bewegt.

Besonders deutlich wird das in sogenannten Flow-Zuständen: Momenten, in denen man ganz in einer Tätigkeit aufgeht und die Umgebung in den Hintergrund tritt. In diesem Zusammenhang bekommt auch Stimming eine neue Bedeutung.

Es ist nicht einfach „auffälliges Verhalten“, sondern kann eine wichtige Form der Selbstregulation sein. In einer Welt, die sich oft unvorhersehbar anfühlt, schafft Stimming wiederholbare, kontrollierbare Reize – und damit ein Stück Sicherheit.

Solange es nicht schädlich ist, sollte es deshalb als das gesehen werden, was es oft ist:
eine sinnvolle Strategie zur Stressbewältigung.

Was Eltern & pädagogische Fachkräfte konkret tun können

Präventiv:
• Rückzugsorte schaffen
• Pausen einplanen
• Lärmschutz selbstverständlich erlauben
• Reize und Situationen – wenn möglich – einordnen und ankündigen
• Interessen gezielt aufgreifen und fördern

Im „Overload“-Fall:
• Reizquelle reduzieren oder Raum wechseln
• ruhig bleiben, weniger sprechen
• Selbstregulation (z. B. Stimming) zulassen
• Zeit geben – nicht drängen
• Sicherheit vor Erklärung stellen

Viele Kinder und Erwachsene im Autismusspektrum erleben die Welt nicht einfach als „lauter“ – sondern als weniger vorhersehbar und schwerer einzuordnen.

Und vielleicht bedeutet „Bohnen in den Ohren haben“ dann nicht mehr, nicht zuhören zu wollen sondern: erst Ordnung in die Welt bringen müssen, bevor Zuhören möglich wird.

Startseite » Blog Neuigkeiten » Hast du Bohnen in den Ohren?

Teile diesen Beitrag auf folgenden Kanälen.

KleineWege® Neuigkeiten nicht mehr verpassen…

Sie haben die Möglichkeit sich in unserem Online-Shop für den Quartalsbrief-Newsletter anzumelden. Ganz unten links finden Sie die Anmeldedaten.

Load More Posts
By Published On: 2. März 2026Categories: Allgemein0 Comments
Nach oben