Wasser begegnet uns in verschiedenen Aggregatzuständen: Es kann fließen, gefrieren oder kochen. Diese Zustände können uns helfen, Gefühle, Stress und innere Anspannung besser zu verstehen. Nicht umsonst verwenden wir Redewendungen wie „vor Wut kochen“ oder „vor Schreck erstarren“. Sie beschreiben sehr anschaulich, wie sich unser Körper und unsere Gefühle manchmal anfühlen.

Wenn Gefühle überkochen

Wird Wasser immer weiter erhitzt, beginnt es zu kochen. Es sprudelt, blubbert und gerät in Bewegung.

Ähnlich kann es uns mit unseren Gefühlen gehen. Wenn sich Stress, Überforderung, Frust oder Wut immer weiter aufbauen, kann die innere Anspannung irgendwann „überkochen“. Das Sprichwort „Ich koche vor Wut“ beschreibt diesen Zustand sehr treffend.

Bei Menschen auf dem Autismusspektrum kann eine starke Reizüberflutung oder Überforderung manchmal in einem sogenannten Meltdown enden. Ein Meltdown ist keine bewusste Entscheidung. Vielmehr ist das Nervensystem so stark belastet, dass Gefühle und Reaktionen nicht mehr ausreichend reguliert werden können.

In solchen Momenten hilft es meist nicht, viele Fragen zu stellen oder lange Erklärungen zu geben. Unterstützend können stattdessen Ruhe, Sicherheit, eine reizärmere Umgebung sowie eine verständnisvolle Begleitung sein.

Auch beim Wasser verändert sich etwas, wenn es kocht: Ein Teil wird zu Dampf und steigt auf. Es wirkt, als würde das Wasser weniger werden. Ähnlich kann es sich während eines Meltdowns anfühlen. Die starken Gefühle übernehmen die Kontrolle und es scheint, als wäre man nicht mehr ganz man selbst. Die Wut, Angst oder Überforderung steht im Vordergrund und überdeckt alles andere. Doch genauso wie Dampf wieder abkühlt und zu Wasser wird, kann auch das Nervensystem langsam wieder zur Ruhe kommen. Mit Zeit, Verständnis und einer passenden Umgebung kehren Klarheit, Selbstkontrolle und das Gefühl, wieder ganz bei sich zu sein, nach und nach zurück. Oft braucht das Nervensystem zunächst die Möglichkeit, sich zu erholen – erst dann kann das Wasser wieder ruhig fließen.

Wenn Gefühle zu Eis werden

Wasser kann aber nicht nur kochen – es kann auch gefrieren.

Manchmal reagieren Menschen auf Angst, Unsicherheit oder Überforderung nicht mit starken Gefühlsausbrüchen, sondern mit dem Gegenteil: Sie erstarren. Der Körper wird still, Gedanken scheinen festzustecken und Handlungen fallen schwer oder sind kaum noch möglich.

Auch Menschen auf dem Autismusspektrum können solche Zustände verstärkt erleben. Besonders dann, wenn ihnen wichtige Informationen oder der Kontext einer Situation fehlen und sie dadurch von einem Reiz stärker überrascht werden als neurotypische Menschen. Dieser Zustand wird häufig als Shutdown bezeichnet. Nach außen wirkt die Person vielleicht ruhig, teilnahmslos oder zurückgezogen. Innerlich kann jedoch eine große Anspannung oder Belastung vorhanden sein.

In solchen Situationen hilft es oft, Druck herauszunehmen. Beruhigende Worte, Geduld, Zeit und eine ruhige Umgebung können unterstützen. Manchmal ist es wichtiger, einfach da zu sein und Sicherheit zu vermitteln, als eine sofortige Reaktion oder Handlung zu erwarten.

Wie Eis braucht auch ein überlastetes Nervensystem Zeit, um langsam wieder aufzutauen. Niemand würde erwarten, dass ein Eiswürfel durch Drängen oder Ziehen schneller schmilzt. Erst Wärme, Ruhe und günstige Bedingungen lassen ihn nach und nach wieder zu Wasser werden. Ähnlich ist es bei einem Shutdown: Verlässlichkeit, Geduld, eine reizarme Umgebung und das Gefühl von Sicherheit helfen dem Nervensystem, sich langsam zu entspannen. Nach und nach lösen sich die „eingefrorenen“ Gedanken und Handlungen wieder. Was eben noch fest und unbeweglich wirkte, kommt langsam wieder in Fluss – bis die Person wieder handeln, sprechen oder Entscheidungen treffen kann.

Weder das „Überkochen“ noch das „Erstarren“ sind falsche Reaktionen. Beide zeigen, dass das Nervensystem an seine Belastungsgrenze gekommen ist.

Menschen benötigen unterschiedliche Wege, um wieder in einen ausgeglichenen Zustand zu gelangen. Für manche helfen Rückzugsorte, für andere Bewegung, vertraute Routinen, sensorische Hilfsmittel oder die Begleitung einer vertrauten Person.

Vielleicht erinnert uns Wasser deshalb an etwas Wichtiges: Gefühle dürfen sich verändern. Manchmal sind sie stürmisch wie kochendes Wasser, manchmal fest wie Eis. Mit Verständnis, Geduld und passenden Unterstützungen können wir nach und nach wieder zu mehr innerer Balance finden und wieder ins Fließen kommen.

Denn hinter jedem „Überkochen“ und jedem „Erstarren“ steckt ein Nervensystem, das versucht, mit einer herausfordernden Situation umzugehen.

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